Warum lohnt sich eine Spiele-AG?

Das neue Schuljahr ist in vollem Gange und damit betreue ich auch wieder eine neue Spiele-AG. Das möchte ich zum Anlass nehmen, einmal zurückzuschauen – und ein wenig Werbung für Spiele-AGs an Schulen zu machen. Was ist im vergangenen Schuljahr in der AG überhaupt passiert? Was hat funktioniert? Was haben die Schüler*innen erlebt und gelernt? Wie läuft es aktuell? Und vor allem: Was kann ich anderen empfehlen, die selbst eine Spiele-AG anbieten möchten?

Mehr Zeit zum gemeinsamen Spielen

Angefangen hat alles ziemlich unspektakulär: Ich bin begeistert von Spielen und den Möglichkeiten, die sie bieten, um Menschen zusammenzubringen und gemeinsame Erfahrungen zu schaffen. Und ich bin überzeugt davon, dass Spielen eines der besten Lernformate überhaupt ist.

Im vergangenen Schuljahr (2025/26) hatte ich nun die Gelegenheit, eine Spiele-AG in einer fünften Klasse anzubieten. Die Idee dahinter war zunächst sehr einfach: den Kindern einen möglichst stressfreien Begegnungsraum zu bieten und gemeinsam zu spielen.

Für den Anfang hatte ich Spiele wie Sushi Go!, Taco Cat Goat Cheese Pizza, Just One und Second Chance mitgebracht. Am Ende waren es dann über 30 Spiele, die im Laufe des Jahres auf die Tische kamen.

Von der ersten Spielauswahl zu Beginn des Schuljahres bis zum Schuljahresende kamen insgesamt über 30 Spiele auf die Tische.

Gleichzeitig wusste ich aus meiner eigenen Arbeit mit spielerischen Lernformaten und durch die Erfahrungen anderer aber auch, welches pädagogische Potenzial in Spielen steckt. Vieles davon wurde im Laufe des Jahres tatsächlich sichtbar. Manches ganz bewusst, anderes eher nebenher: sozial, persönlich, organisatorisch, inhaltlich,… alles beim Umgang mit ganz unterschiedlichen spielerischen Herausforderungen.

Dabei war mir aber wichtig, die AG nicht zu einem weiteren Unterrichtsformat zu machen. Es sollte nicht jede Woche ein bestimmtes Spiel abgehandelt oder anschließend reflektiert werden. Spielen durfte auch einfach Spielen sein.

Welche Spiele eignen sich für eine Spiele-AG?

Als es losging, hatte ich mir Tipps von Menschen geholt, die bereits Erfahrung mit Spiele-AGs hatten. Sehr hilfreich waren unter anderem Martina Fuchs‚ Erfahrungen und Hinweise. Sie erzählt übrigens auch im Spielenden Klassenzimmer von ihren Erfahrungen. Dazu bekam ich viele Rückmeldungen aus der Brettspiel-Community, z.B. über Bluesky und Discord.

Eins wurde mir sehr schnell bewusst: Man braucht für den Einstieg gar nicht besonders viel. Vier oder fünf gut ausgewählte Spiele reichen zunächst vollkommen aus. Ich habe mit Spielen aus meiner eigenen Sammlung begonnen. Das hatte den Vorteil, dass ich die Regeln kannte und halbwegs einschätzen konnte, welche Spiele für eine 5. Klasse funktionieren könnten. Nach und nach kamen dann immer mehr dazu, wie die Bilder oben zeigen.

Außerdem erkannte ich recht schnell, dass nicht jedes Spiel für alle funktionieren muss. Einige Titel wurden zu echten Dauerbrennern – „Taco, Cat, Goat, Cheese, Pizza“, Mischwald oder Dixit zum Beispiel – andere kamen nur gelegentlich auf den Tisch. Manche einfachen Spiele wurden wochenlang immer wieder gespielt, während anspruchsvollere Titel nur eine kleine Gruppe begeisterten.

Einer der anspruchsvolleren Titel: Nature (mit Dinosaurier-Modul)

Hilfreich fand ich deshalb eine Mischung aus unterschiedlichen Spielgenres: schnelle Karten- und Partyspiele, Kommunikationsspiele, kooperative Spiele, wie auch etwas strategischere Titel. Und die Schülerinnen und Schüler durften auch eigene Spiele mitbringen. So kam beispielsweise sogar auch ein selbstentwickeltes Rollenspiel auf den Tisch (basierend auf Tiny Dungeon).

Ein selbst entwickeltes Pen-and-Paper-Rollenspiel kam auch auf den Tisch.

Für die konkrete Auswahl haben sich für mich vor allem diese Fragen bewährt:

  • Ist das Spiel schnell genug erklärt?
  • Können es sich die Schüler*innen gegenseitig erklären, wenn sie es einmal kennen?
  • Passt die Spieldauer in den zeitlichen Rahmen?
  • Funktioniert es mit unterschiedlichen Gruppengrößen?
  • Hat es genug Wiederspielreiz?
  • Können die Schüler*innen es nach der Einführung möglichst selbstständig spielen?
  • Gibt es wenig Wartezeit?
  • Hält das Material regelmäßige Nutzung aus?

Vom eigenen Bestand zur Schulsammlung

Viele der Spiele habe ich direkt im Klassenzimmer gelassen. Das hat gut funktioniert, weil das Zimmer wie auch die Spiele vorrangig von der Klasse selbst genutzt wurden. Und die Schüler*innen gingen insgesamt sehr sorgfältig mit ihrem Material um.

Gegen Ende des Schuljahres habe ich dann die Schule um einen eigenen Grundbestand für die AG gebeten. Dabei habe ich mich am aktuellen Jahrgang orientiert, an Tipps zu Neuerscheinungen – z.B. aus Benny Botters Spieleshow – und an meinen eigenen Eindrücken von Spieleabenden, wie dem Spiel!Jetzt! Spieleabend mit Fux und Bär. Damit muss das Spiele-AG-Angebot langfristig nicht von meiner privaten Spielesammlung abhängen. Einige dieser Neuanschaffungen sind inzwischen bereits zu Dauerbrennern geworden – insbesondere Got Five! und Panda Royale.

Diese Spiele wurden am Ende des Schuljahres von der Schule angeschafft.

Möglichst viel selbst spielen lassen

Die Kinder durften weitestgehend spielen, was sie wollten. Sie konnten auch Spiele von zu Hause mitbringen, solange diese altersangemessen waren und sie Mitspielende organisieren konnten.

Gleichzeitig wollte ich ihren Brettspiel-Horizont ein wenig erweitern. Deshalb habe ich im Wechsel einzelnen Gruppen neue Spiele beigebracht. Das hat erstaunlich gut funktioniert (vielen Dank für den Tipp, Martina!). Und was mich besonders freut: Mit der Zeit brauchten sie mich dafür immer weniger.

Einzelne Schüler*innen nehmen sich inzwischen selbst ein unbekanntes Spiel, lesen gemeinsam die Anleitung und versuchen, sich die Regeln eigenständig zu erschließen. Andere erklären Spiele, die sie bereits kennen, direkt weiter.

Viele hatten bereits grundlegende Brettspiel- und Kartenspielerfahrungen. Trotzdem war schön zu beobachten, wie selbstverständlich sich die Gruppe zunehmend selbst organisierte: Man hilft sich gegenseitig, klärt Regelfragen und handelt auch schon einmal aus, ob ein Spiel diesmal mit oder ohne Punkte gespielt wird. Und vielleicht mein persönliches Highlight: Viele haben tatsächlich Lust, neue Spiele kennenzulernen.

Nach ungefähr einem halben Jahr spielten regelmäßig rund 20 Kinder parallel in drei bis sechs Gruppen. Besonders beliebt waren unter anderem:

  • Dixit 💭
  • Duck & Cover 🐣
  • Just One 🖊️
  • Landmarks 🗣️
  • Mischwald 🌲🌳🌴
  • Sushi Go! 🍣
  • Taco Cat Goat Cheese Pizza 🐐

Spiele spielen – und erklären!

Ab Januar bekam die AG dann einen etwas anderen Schwerpunkt: Wir bereiteten einen gemeinsamen Spieletreff mit den Eltern vor. Dabei haben wir nach und nach das Thema Spiele erklären erarbeitet. Denn ein Spiel selbst spielen zu können und ein Spiel verständlich zu erklären, sind zwei ziemlich unterschiedliche Dinge.

Die Schüler*innen mussten sich beispielsweise überlegen:

  • Was ist eigentlich das Ziel des Spiels?
  • Was müssen neue Spieler*innen zuerst wissen?
  • Welche Regeln kann ich zunächst weglassen?
  • Was lässt sich besser zeigen als erklären?
  • Welche Beispiele helfen?
  • Und woran merke ich überhaupt, ob mein Gegenüber verstanden hat, wie das Spiel funktioniert?

Beim Thema „Spiele erklären“ kam dann doch auch ein klassisches Unterrichtsmaterial zum Einsatz 😉

Gemeinsam Spielen mit den Eltern

Beim Spieletreff selbst haben die Schüler*innen die Spiele dann weitgehend eigenständig erklärt und angeleitet. So waren sie einmal die Experten und Expertinnen, die den Eltern etwas beibringen konnten. Über etwa 90 Minuten kamen so immer wieder neue Spielegruppen zusammen, die von Abalone bis Nekojima die unterschiedlichsten Spiele erlebten.

Eindrücke vom gemeinsamen Spielevormittag mit den Eltern.

Es war für mich auch ein schönes Beispiel dafür, wie sich aus dem Spielen ganz nebenbei eine echte Vermittlungssituation entwickeln kann: Regeln verstehen, Informationen ordnen, auf Rückfragen reagieren, anderen helfen – und am Ende dafür sorgen, dass jemand tatsächlich mitspielen kann. Da wurde ganz schön viel gelernt – obwohl es eigentlich nur darum ging, gemeinsam zu spielen.

Was passiert eigentlich beim „einfach nur Spielen“?

Nach dem Spieletreff wurde wieder vor allem gespielt, worauf die Kinder gerade Lust hatten. Gleichzeitig kamen weiterhin neue Spiele hinzu – unter anderem Anschaffungen der Klassenlehrerin, die thematisch zum Unterricht passten, wie Nature mit Erweiterung, sowie gegen Ende des Schuljahres die ersten von der Schule finanzierten Spiele für die künftige AG.

Und gerade dieses „einfach nur spielen“ finde ich im Rückblick interessant. Denn dafür braucht es keinen zusätzlichen Reflexionsbogen und nicht jede Runde muss mit einem Lernziel versehen werden. Beim Spielen entstehen ohnehin ständig Situationen, in denen Kinder etwas bewältigen müssen:

  • eine Niederlage aushalten,
  • sich längere Zeit konzentrieren,
  • Regeln verstehen und akzeptieren,
  • Unklarheiten miteinander klären,
  • Entscheidungen treffen,
  • Strategien ausprobieren und verändern,
  • sich auf etwas Neues einlassen,
  • gemeinsam Lösungen finden,
  • Konflikte austragen,
  • Material und Spielabläufe organisieren
  • oder anderen etwas erklären.

Natürlich passiert nicht all das automatisch bei jedem Spiel und bei jedem Kind. Aber unterschiedliche Spiele schaffen unterschiedliche Situationen, in denen genau solche Erfahrungen möglich werden. Für mich liegt ein großer Teil der pädagogischen Gestaltung einer Spiele-AG deshalb gar nicht darin, das Spielen ständig zusätzlich didaktisch aufzuladen. Es geht eher darum, einen guten Spielraum zu gestalten: passende Spiele bereitzustellen, gelegentlich neue Impulse zu setzen, bei Bedarf zu unterstützen – und sich ansonsten auch zurückzunehmen.

Ein Begegnungsraum, der sonst schnell fehlt

Mindestens ebenso interessant wie einzelne Fähigkeiten fand ich im Laufe des Jahres die soziale Seite der AG. Die Gruppen setzten sich immer wieder unterschiedlich zusammen. Manchmal spielten feste Freundesgruppen miteinander, manchmal entstanden ganz neue Konstellationen. Wer ein Spiel besonders gut kannte, wurde plötzlich zur Expertin oder zum Experten – unabhängig davon, welche Rolle diese Person sonst im Schulalltag einnimmt.

Die AG hat dabei sicher davon profitiert, dass die Klasse bereits eine sehr gute Klassengemeinschaft hatte. Das zeigte sich beispielsweise im Umgang mit dem Material oder darin, wie Konflikte untereinander gelöst wurden. Gleichzeitig wurde mir aus dem Kollegium zurückgemeldet, wie wertvoll die AG als Begegnungsort sei. Im normalen Schulalltag ist schließlich fast immer irgendetwas zu tun: Unterricht, Aufgaben, Termine. Ein Raum, in dem Schüler*innen einfach zusammensitzen, etwas gemeinsam tun und dabei miteinander ins Gespräch kommen können, geht dabei schnell einmal unter. Genau diesen Raum konnte die Spiele-AG bieten.

An dieser Stelle möchte ich deshalb auch ein großes Dankeschön an die Freie Waldorfschule Haan-Gruiten, insbesondere an die Klassenlehrerin der 5. Klasse und die Schulleitung richten, die das Angebot von Anfang an unterstützt haben. Parallel zur Spiele-AG gab es außerdem ein Schach-Angebot, sodass die Schüler*innen zwischen unterschiedlichen Formen des gemeinsamen Spielens wählen konnten. Schön, dass die Schüler*innen diesen Begegnungsraum erhalten haben.

Wie sieht es aktuell aus?

In diesem Schuljahr geht die Spiele-AG mit einer neuen 5. Klasse weiter. Gleichzeitig wollten erfreulich viele der ehemaligen Fünftklässler*innen auch in der 6. Klasse weiterhin teilnehmen. Dadurch ist inzwischen ganz nebenbei eine jahrgangsübergreifende Gruppe entstanden.

Und das schafft wiederum neue Begegnungen. Da sitzt dann beispielsweise ein Schüler aus der 6. Klasse am Tisch und lässt sich ganz selbstverständlich von einer Fünftklässlerin ein Spiel erklären. Genau solche Situationen gefallen mir an der AG besonders: Wer gerade etwas weiß oder kann, hängt nicht automatisch vom Alter ab. Beim nächsten Spiel können die Rollen schon wieder völlig anders verteilt sein.

Auch die neue Klasse scheint ausgesprochen brettspielaffin zu sein. Neue Spiele kommen teilweise unmittelbar auf den Tisch, die Schüler*innen erklären sie sich gegenseitig oder erschließen sich Regeln gemeinsam mit Hilfe der Anleitung. Der ursprünglich angedachte „stressfreie Begegnungsraum“ scheint also weiterhin zu funktionieren – und vor allem angenommen zu werden. Inzwischen gibt es auch Planungen, das Angebot im offenen Ganztag auch jüngeren Klassen zukommen zu lassen.

Tipps für den Einstieg

Wenn ihr selbst eine Spiele-AG starten möchtet, würde ich nach dem ersten Jahr vor allem diese Dinge mitnehmen:

Und ansonsten: einfach anfangen. Man braucht kein ausgefeiltes Curriculum und keine riesige Spielesammlung. Ein paar passende Spiele, regelmäßige Zeit und ein Raum, in dem Menschen gemeinsam spielen können. Das trägt schon erstaunlich weit.

Und welche Erfahrungen habt ihr so gemacht?

Ich bin selbst weiterhin neugierig darauf, wie Spiele-AGs an anderen Schulen funktionieren.

Und auch an alle anderen Menschen aus der Brettspiel- (und Videospiel-) Welt: 

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